In Deutschland schließen sich immer mehr junge Menschen rechtsextremen Gruppen an. Die Bewegungen nutzen soziale Medien, politische Netzwerke und das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören. Ehemalige Mitglieder warnen, dass diese Gruppen junge Menschen zunehmend radikalisieren und ihren Einfluss in der Politik ausbauen.
Lilly Baginski ist 23 Jahre alt und Mitglied der Jungen Nationalisten. Die Gruppe ist die Jugendorganisation der rechtsextremen Partei Die Heimat. An einem kalten Montag geht sie durch den Großen Garten in Dresden. Dabei spricht sie über eine sogenannte nationale Gemeinschaft. Sie träumt von einem Deutschland, in dem jeder seinen festen Platz hat.
Für Menschen, die sie als kulturell fremd betrachtet, sieht sie keinen Platz. Sie will das politische System grundlegend verändern. Nach ihrer Ansicht wächst ihre Bewegung stark. Baginski sagt, dass die Zahl der Mitglieder auf das Fünffache gestiegen sei. Immer mehr junge Menschen gingen für die deutsche Kultur auf die Straße.
Baginski steht damit für eine Entwicklung, die Beobachter seit Jahren verfolgen. Junge Deutsche treten rechtsextremen Gruppen bei. Manche suchen Freundschaften, Gemeinschaft oder Abenteuer. Andere werden von klaren Feindbildern angezogen. Aus kleinen Gruppen entstehen zunehmend Netzwerke, die politische Ziele verfolgen.
Daniel Fiss kennt diese Entwicklung aus eigener Erfahrung. Heute ist er Anfang 30 und hilft der Alternative für Deutschland (AfD) bei der Organisation ihrer Arbeit in Mecklenburg-Vorpommern. Früher bewegte er sich im Umfeld der Jungen Nationalisten. Später stieg er in der Identitären Bewegung auf. Diese Organisation vertritt eine ethnisch geprägte Vorstellung von nationaler Identität und wird vom deutschen Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft.
Fiss verfolgt inzwischen ein klares Ziel: politische Macht. Bei einem Treffen in Schwerin berichtet er von seiner Arbeit für die Partei. Kurz zuvor hatte ihn eine Lieferung von Wahlkampfmaterial aufgehalten. Er musste Kisten mit Flugblättern tragen, erklärt er.
Anfang September erzielte die AfD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern rund 38 Prozent der Stimmen und wurde stärkste Kraft. Das Ergebnis war Teil eines größeren Erfolgs rechtsextremer Kräfte. Es veränderte die politische Lage im Nordosten Deutschlands und setzte die etablierten Parteien unter Druck.
Auch soziale Medien spielen eine wichtige Rolle bei der Verbreitung rechter Ideen. Erik Ahrens entwickelte eine Strategie, um junge Wähler für die AfD zu erreichen. Er arbeitete mit dem AfD-Politiker Maximilian Krah zusammen. Seine Videos erreichten Millionen Nutzer. In einem seiner bekanntesten Ansätze verband er rechte Politik mit Vorstellungen von Männlichkeit und Erfolg bei Frauen.
Ahrens wollte Krah zu einem der einflussreichsten Politiker Deutschlands machen. Später kehrte er der Bewegung den Rücken. Heute lebt er in Barcelona und warnt vor den Methoden, die er früher selbst eingesetzt hatte. Auch seine Verlobte Emma Mäckel hat sich von der rechtsextremen Szene abgewandt.
Ahrens vergleicht die Wirkung rechter Ideologie mit einer Droge. Um dieselbe Wirkung zu erzielen, müsse die Ideologie immer radikaler werden. Er glaubt, dass manche Teile Deutschlands bereits dauerhaft an die extreme Rechte verloren sein könnten. Diese Einschätzung ist seine persönliche Warnung und keine gesicherte Prognose.
Die Geschichten von Baginski, Fiss, Ahrens und Mäckel zeigen verschiedene Wege in und aus der rechtsextremen Szene. Während einige junge Menschen ihre politischen Ziele immer stärker verfolgen, warnen andere vor den Folgen. Die Bewegung versucht zugleich, ihre Anhänger enger an Parteien und feste Organisationen zu binden.
Die Veränderung zeigt sich auch an Schulen und bei Wahlen. Schülervertretungen in Ostdeutschland warnen vor einem Rückgang demokratischer Werte. Sie sehen die Gefahr, dass rechtsextreme Ansichten im Alltag stärker akzeptiert werden. Das kann das Zusammenleben in Schulen und Gemeinden belasten.
Auch das Wahlverhalten junger Menschen hat sich verändert. Bei der Bundestagswahl 2021 unterstützten viele Wähler zwischen 18 und 24 Jahren die Grünen und die FDP. Vier Jahre später lagen in dieser Altersgruppe die Linke und die AfD vorn. Das Ergebnis zeigt, wie stark sich die politische Stimmung unter jungen Wählern verändert hat.
Die Entwicklung stellt Politik und Gesellschaft vor neue Aufgaben. Rechtsextreme Gruppen bieten jungen Menschen Gemeinschaft und klare Antworten auf komplexe Fragen. Zugleich verbreiten sie Ausgrenzung und Feindbilder. Ehemalige Mitglieder warnen, dass der Weg zu immer radikaleren Ansichten schrittweise verlaufen kann.
Der wachsende Einfluss dieser Gruppen ist damit nicht nur eine Frage von Parteiergebnissen. Er betrifft auch Schulen, soziale Medien und das demokratische Miteinander. Wie Deutschland darauf reagiert, wird mitbestimmen, welche Rolle rechtsextreme Ideen künftig im öffentlichen Leben spielen.
