Die deutsche Opernsängerin Anny Schlemm ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Mit ihrer langen Karriere auf den bedeutendsten Opernbühnen Europas prägte sie über Jahrzehnte die Welt der klassischen Musik. Ihr Tod markiert das Ende eines außergewöhnlichen Kapitels in der deutschen Operngeschichte.
Anny Schlemm wurde 1929 geboren und erhielt ihre Gesangsausbildung in Berlin. Dort studierte sie bei der renommierten Gesangslehrerin Erna Westenberger. Bereits kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann ihre Laufbahn auf der Opernbühne. Ihr Debüt gab sie 1946 am Opernhaus in Halle.
Schon früh fiel sie durch ihre musikalische Vielseitigkeit auf. Im Laufe ihrer Karriere sang sie sowohl Sopran- als auch Mezzosopran-Partien. Diese besondere Fähigkeit machte sie zu einer gefragten Künstlerin an vielen Opernhäusern.
Im Jahr 1949 wurde Schlemm Mitglied der Staatsoper Berlin und der Komischen Oper Berlin. Dort arbeitete sie eng mit dem österreichischen Regisseur Walter Felsenstein zusammen. Die Zusammenarbeit sollte ihre künstlerische Entwicklung nachhaltig prägen.
Schlemm betonte später mehrfach die Bedeutung Felsensteins für ihre Karriere. Er habe ihr beigebracht, eine Rolle nicht nur zu singen oder zu spielen, sondern sie vollständig zu verkörpern. Dieser Ansatz wurde zu einem wichtigen Merkmal ihrer Auftritte.
Zu ihren bekanntesten Rollen gehörte die Boulotte in Jacques Offenbachs Oper „Barbe-bleue“. Die Partie sang sie erstmals Ende der 1950er Jahre an der Komischen Oper Berlin. In den folgenden Jahrzehnten verkörperte sie die Figur insgesamt 257 Mal. Noch bis 1992 stand sie mit dieser Rolle auf der Bühne.
Ihre Karriere führte sie an zahlreiche bedeutende Opernhäuser in Deutschland. Sie trat unter anderem an der Oper Köln, der Oper Frankfurt, der Staatsoper Hamburg, der Staatsoper Dresden, der Staatsoper Stuttgart und der Bayerischen Staatsoper in München auf.
Auch international war Anny Schlemm gefragt. Gastauftritte führten sie an die Wiener Staatsoper, das Royal Opera House in London, das Glyndebourne Festival, die Pariser Oper sowie zum Holland Festival. Damit gehörte sie über viele Jahre zu den bekanntesten deutschen Opernsängerinnen ihrer Generation.
Neben klassischen Werken wirkte Schlemm auch an mehreren Uraufführungen mit. Sie übernahm die Rolle der Braut in „Bluthochzeit“ von Wolfgang Fortner und trat später in weiteren neuen Opernproduktionen auf. Dadurch leistete sie einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des modernen Musiktheaters.
Ein weiterer bedeutender Abschnitt ihrer Laufbahn war ihre Tätigkeit bei den Bayreuther Festspielen. Dort stand sie zwischen 1978 und 1985 als Mary in Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ auf der Bühne. Die Festspiele gelten als eine der wichtigsten Veranstaltungen der Opernwelt.
Im späteren Verlauf ihrer Karriere wechselte Schlemm zunehmend in das Mezzosopran-Fach. Sie überzeugte in Rollen wie Klytemnästra in „Elektra“ und Herodias in „Salome“. Auch Werke des tschechischen Komponisten Leoš Janáček gehörten zu ihrem Repertoire.
Für ihre Leistungen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. Besonders bedeutend war die Verleihung des Ehrentitels Kammersängerin. Diese Auszeichnung würdigt Künstlerinnen und Künstler mit herausragenden Verdiensten um die Oper.
Im Jahr 2000 wurde ihr zudem der Joana-Maria-Gorvin-Preis verliehen. Die Ehrung unterstrich ihren hohen Stellenwert innerhalb der deutschen Kulturlandschaft.
Die Komische Oper Berlin würdigte Schlemm als eine der bedeutendsten singenden Schauspielerinnen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Noch fünf Jahrzehnte nach ihrem ersten Engagement trat sie dort auf. Ihren letzten Auftritt an diesem Haus absolvierte sie 1999 in einer Neuinszenierung von Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“.
Mit dem Tod von Anny Schlemm verliert die Musikwelt eine herausragende Künstlerin. Ihre Interpretationen, ihre Bühnenpräsenz und ihr Beitrag zum Musiktheater werden in Erinnerung bleiben. Die Nachricht über ihr Ableben hat bei vielen Wegbegleitern, Musikliebhabern und Kulturinstitutionen große Trauer ausgelöst.
