Die deutsche Autoindustrie steht vor einem tiefen Wandel. Seit 2018 sind in der Branche rund 142.500 Arbeitsplätze weggefallen. Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2026 wurden etwa 42.300 Stellen gestrichen. Gleichzeitig wächst das Interesse an der Rüstungsproduktion.
Teile der Autoindustrie und ihrer Zulieferer sollen künftig für die Herstellung von Militärgütern genutzt werden. Hintergrund ist der stark steigende Bedarf an Waffen und militärischer Ausrüstung. Die Bundesregierung stellt dafür große Summen bereit.
Der Verband der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sucht deshalb Fabriken, Arbeitskräfte und technisches Wissen in der Autoindustrie. Das Projekt trägt den Namen Auto2Defence. Ziel ist es, freie Kapazitäten der Branche für die Rüstungsproduktion zu nutzen.
Auch große Rüstungskonzerne wollen ihre Produktion deutlich ausbauen. Rheinmetall plant, die Zahl seiner Beschäftigten in den kommenden drei Jahren von rund 30.000 auf 40.000 zu erhöhen. Das Unternehmen erwartet zudem ein starkes Umsatzwachstum bis 2030.
Der deutsche Staat unterstützt den Ausbau der militärischen Produktion mit hohen Ausgaben. Im Bundeshaushalt für 2026 sind rund 108 Milliarden Euro für Verteidigung vorgesehen. Bis 2029 soll die Summe auf 152 Milliarden Euro steigen.
Für viele Unternehmen eröffnet diese Entwicklung neue Geschäftsmöglichkeiten. Nach aktuellen Umfragen erwartet etwa ein Drittel der Industrieunternehmen zusätzliche Aufträge durch den Einstieg in den Verteidigungsbereich.
Der Wandel trifft eine Autoindustrie, die bereits mit großen Problemen kämpft. Sinkende Nachfrage, hohe Kosten, neue Technologien und der Einsatz von künstlicher Intelligenz verändern die Branche. Unternehmen bauen Stellen ab oder verlagern Teile ihrer Produktion.
Nun könnte ein Teil dieser Kapazitäten in die Rüstungsindustrie fließen. Für Beschäftigte stellt sich damit eine wichtige Frage: Was passiert mit ihren Arbeitsplätzen und ihrer bisherigen Arbeit?
Auch die Gewerkschaft IG Metall unterstützt Gespräche über eine mögliche Umstellung. Jürgen Kerner, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft, erklärte, Betriebsräte und Gewerkschaft müssten von Beginn an beteiligt werden. Beschäftigte müssten zudem ausreichend für neue Aufgaben geschult werden.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei Mercedes-Benz. Vorstandschef Ola Källenius erklärte im Mai 2026, das Unternehmen sei grundsätzlich bereit, Rüstungsgüter zu produzieren, wenn dies wirtschaftlich sinnvoll sei.
Im Mittelpunkt steht das Mercedes-Werk in Ludwigsfelde südlich von Berlin. Dort arbeiten rund 2.000 Menschen. Derzeit werden dort Sprinter und elektrische E-Sprinter gebaut.
Mercedes plant jedoch, die Sprinter-Produktion dort schrittweise zu beenden. Spätestens 2030 soll die Fertigung vollständig in das Werk im polnischen Jawor verlagert werden.
Eine mögliche Übergangslösung sieht vor, dass der Rüstungskonzern KNDS einen Teil der Werkshallen nutzt. Dort könnten zunächst weiterhin Sprinter und zugleich militärische Boxer-Fahrzeuge gebaut werden.
Nach dem Ende der Mercedes-Produktion könnten viele Beschäftigte zu KNDS wechseln. Gespräche zwischen dem Unternehmen und Vertretern des Betriebsrats laufen bereits.
Die mögliche Umwandlung des Werks in Ludwigsfelde könnte dabei weitreichende Folgen haben. Sie könnte als Beispiel für weitere Werke dienen, die wegen des Wandels in der Autoindustrie vor einer neuen Nutzung stehen.
Befürworter sehen darin eine Möglichkeit, Arbeitsplätze und industrielle Fähigkeiten in Deutschland zu erhalten. Kritiker warnen dagegen vor einer stärkeren Ausrichtung der Industrie auf militärische Produktion.
Die Debatte erinnert zugleich an die Geschichte der deutschen Industrie. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden große Unternehmen eng in die deutsche Kriegswirtschaft eingebunden. Auch Daimler-Benz gehörte damals zu den Unternehmen, die Militärfahrzeuge und andere Rüstungsgüter produzierten.
Das Unternehmen setzte während dieser Zeit auch Zwangsarbeiter ein. Menschen aus besetzten Gebieten mussten unter schweren Bedingungen für deutsche Unternehmen arbeiten. Auch Häftlinge aus Konzentrationslagern wurden in der deutschen Kriegswirtschaft eingesetzt.
Heute sind die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen grundlegend anders. Deutschland ist eine parlamentarische Demokratie. Dennoch sorgt der schnelle Ausbau der Rüstungsproduktion für eine neue Debatte über die Rolle der Industrie.
Neben Rheinmetall profitieren auch andere Unternehmen vom wachsenden Militärmarkt. Dazu gehören Hersteller von Panzern, Flugzeugen, Raketen, Radarsystemen, Schiffen und Munition.
Der Verteidigungssektor wächst damit zu einem wichtigen Teil der deutschen Industrie heran. Für die Autoindustrie könnte dieser Wandel eine neue Einnahmequelle werden. Gleichzeitig bleibt offen, wie viele Arbeitsplätze dadurch tatsächlich gesichert werden.
Die Entwicklung bei Mercedes in Ludwigsfelde dürfte deshalb genau beobachtet werden. Sie könnte zeigen, wie sich der Umbau der deutschen Industrie auf Beschäftigte und Produktionsstandorte auswirkt.
