Der Hamburger Erzbischof Stefan Hesse hat nach einem Besuch an der Grenze zwischen den USA und Mexiko deutliche Kritik an den dortigen Grenzanlagen geäußert. Während einer Reise entlang der Grenze zwischen Ciudad Juárez in Mexiko und El Paso im US-Bundesstaat Texas verglich er die hohen Barrieren und den Stacheldraht mit der Berliner Mauer.
Der Erzbischof erklärte, die massiven Grenzbefestigungen hätten ihn an die deutsche Geschichte erinnert. Die Berliner Mauer habe die Menschen über viele Jahre getrennt und großes Leid verursacht. Die Eindrücke an der Grenze zwischen den USA und Mexiko hätten bei ihm ähnliche Gefühle ausgelöst.
Hesse ist Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz. Außerdem ist er Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen. Vom 20. bis 27. August unternahm er eine Solidaritätsreise, um die Lage von Migranten entlang wichtiger Fluchtrouten besser kennenzulernen.
In den vergangenen Jahren hatte der Erzbischof bereits ähnliche Reisen in andere Regionen unternommen. Dazu gehörten unter anderem die Ukraine, Kenia und Ägypten. Ziel dieser Besuche ist es, die Lebensbedingungen von Menschen auf der Flucht direkt vor Ort zu beobachten und mit Betroffenen zu sprechen.
Während seines Aufenthalts traf Hesse zahlreiche Migranten, Helfer und Vertreter von Hilfsorganisationen. Er sprach zudem mit kirchlichen und gesellschaftlichen Verantwortlichen auf beiden Seiten der Grenze. Dabei erhielt er Einblicke in die Herausforderungen, mit denen viele Migranten täglich konfrontiert sind.
Besonders bewegt zeigte sich der Erzbischof von zwei persönlichen Begegnungen. Die erste war mit einem älteren Mann aus Kuba. Dieser hatte fast sein gesamtes Erwachsenenleben in den Vereinigten Staaten verbracht. Nach 46 Jahren wurde er jedoch abgeschoben und lebt nun in Südmexiko.
Nach Angaben von Hesse war der Mann in den USA gut integriert. Nun befinde er sich in einer Region, die ihm fremd sei. Dort habe er nur geringe Chancen auf ein würdevolles Leben im Alter. Der Erzbischof beschrieb dessen Schicksal als das eines Baumes, der aus seinen Wurzeln gerissen wurde.
Die zweite Begegnung war mit einem jungen Mann aus Ciudad Juárez. Dieser hatte nach eigenen Angaben in jungen Jahren Verbindungen zur organisierten Kriminalität. Zudem arbeitete er zeitweise als Schleuser an der Grenze.
Der junge Mann berichtete offen über seine Vergangenheit. Mit Hilfe seines Glaubens habe er den Ausstieg geschafft. Heute engagiert er sich in einem Projekt, das jungen Migranten in Mexiko Unterstützung bietet. Für Hesse war diese Entwicklung ein Zeichen dafür, dass Menschen neue Wege einschlagen können.
Während seiner Reise beobachtete der Erzbischof auch die Arbeit kirchlicher Einrichtungen. Nach seinen Worten wäre die Lage vieler Migranten ohne diese Hilfe deutlich schwieriger. Ein großer Teil der Unterkünfte für Flüchtlinge und Migranten werde von kirchlichen Organisationen betrieben.
Dort erhalten die Menschen nicht nur Essen und einen Schlafplatz. Sie würden auch mit Respekt behandelt und als Menschen wahrgenommen. Hesse hob besonders Einrichtungen hervor, die Schutz, Beratung und Unterstützung für Familien anbieten.
Gleichzeitig bemerkte er einen deutlichen Unterschied zwischen solchen Unterkünften und staatlichen Haft- oder Abschiebeeinrichtungen. Während kirchliche Häuser die Würde jedes Menschen in den Mittelpunkt stellten, würden Migranten in anderen Einrichtungen oft vor allem als Sicherheitsproblem betrachtet.
Der Erzbischof betonte, dass Staaten das Recht hätten, Migration zu regeln. Dennoch dürfe das Thema nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit betrachtet werden. Wenn dies geschehe, gehe ein wichtiger Teil der Menschlichkeit verloren.
Während seines Aufenthalts besuchte Hesse mehrere Einrichtungen für Migranten. Er nahm an gemeinsamen Mahlzeiten teil und sprach mit Menschen, die wegen strenger Grenzregelungen in Ciudad Juárez festsaßen. Außerdem informierte er sich über die Arbeit von Organisationen, die Migranten rechtlich und sozial unterstützen.
Auch auf US-Seite führte er Gespräche mit Helfern und Betroffenen. Zudem beobachtete er Verfahren vor Einwanderungsgerichten. Dadurch erhielt er einen umfassenden Eindruck von den Auswirkungen der aktuellen Migrationspolitik.
Besonders wichtig war für ihn die spirituelle Dimension der Reise. Er erklärte, dass viele Menschen auf beiden Seiten der Grenze sich als Teil einer gemeinsamen Glaubensgemeinschaft sehen. Diese Verbundenheit sei trotz der politischen und geografischen Trennung deutlich spürbar.
Mit Blick auf Europa äußerte Hesse ebenfalls Sorgen. Er verwies auf Spannungen an den Außengrenzen der Europäischen Union und auf die Lage entlang wichtiger Mittelmeer-Routen. Nach seiner Einschätzung geraten Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte in vielen Regionen zunehmend unter Druck.
Der Erzbischof sprach sich für sichere Wege für Schutzsuchende aus. Gleichzeitig betonte er die Bedeutung internationaler Entwicklungszusammenarbeit. Solche Maßnahmen könnten helfen, die Ursachen von Flucht und Vertreibung zu bekämpfen.
Zum Abschluss seiner Reise appellierte Hesse an die Menschen in Europa und Nordamerika, den Blick nicht nur auf die eigenen Probleme zu richten. Mitgefühl und Solidarität seien wichtige Grundlagen, um Menschen in Not zu helfen und die Würde jedes Einzelnen zu achten.
