Bulgarien erlebt erneut eine Parlamentswahl, die achte seit April 2021. Der ehemalige Präsident und Ex-General Rumen Radew gilt mit seiner neuen Koalition „Progressives Bulgarien“ (PB) als klarer Favorit und könnte Prognosen zufolge bis zu 34 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Radew, der im Januar als Präsident zurückgetreten war, um an dieser Wahl teilzunehmen, hat sich den Kampf gegen die Korruption auf die Fahnen geschrieben. Die Neuwahl wurde notwendig, nachdem im Dezember 2025 Massenproteste gegen Korruption zum Rücktritt der prowestlichen Koalitionsregierung um das konservative Bündnis Gerb-SDS führten.
Radew, ein früherer Kampfjet-Pilot, der zuvor neun Jahre lang Staatsoberhaupt war und als russlandfreundlich galt, hat seine politische Ausrichtung teilweise neu positioniert. Während er sich als Präsident noch für einen Dialog mit Moskau einsetzte, sieht er nun den ungarischen Wahlsieger Péter Magyar als Vorbild für seine Ukrainepolitik. Er hat angekündigt, dass sich Bulgarien unter seiner Führung nicht finanziell an Militärhilfen für die Ukraine beteiligen, Entscheidungen darüber jedoch nicht blockieren werde. Russische Medien sehen in ihm bereits den „bulgarischen Orbán“ und erwarten eine „unbequeme“ Außenpolitik für Brüssel.
Die amtierende pro-westliche Gerb-SDS, die von Ex-Regierungschef Bojko Borissow geführt wird und die Ukraine sowie die Politik Brüssels unterstützt, kommt den Umfragen zufolge nur noch auf höchstens 20 Prozent. Als drittstärkste Kraft könnte der liberal-konservative und proeuropäische Verband PP-DB mit rund 12 Prozent abschneiden. Sowohl Radew als auch PP-DB streben eine umfassende Justizreform an und wollen das Modell einer ihrer Ansicht nach korrupten Regierungsführung von Gerb-SDS abbauen. Die Einführung des Euro, die zum Jahresbeginn die Inflation leicht erhöht hatte, wird weiterhin diskutiert, obwohl eine Mehrheit der Bevölkerung sie noch immer befürwortet.
Der Wahlkampf war erneut von schwerwiegenden Vorwürfen des Stimmenkaufs überschattet. Hunderte Verdächtige wurden festgenommen, und amtlichen Angaben zufolge wurden eine Million Euro beschlagnahmt, die für den Kauf von Wählerstimmen bestimmt waren – eine Stimme soll zwischen 50 und 100 Euro kosten. Angesichts dieser Verdachtsmomente hat die Interimsregierung das EU-System zur Bekämpfung von Desinformation und ausländischer Einflussnahme aktiviert. Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sind ebenfalls vor Ort, um die Fairness des Wahlprozesses zu gewährleisten.
