Apple hat mehrere deutsche Politiker, Regierungsmitarbeiter und Journalisten vor möglichen Spionageangriffen auf ihre iPhones gewarnt. Die Betroffenen gehören zu einer größeren Gruppe von Menschen in 99 Ländern, die Hinweise auf gezielte Angriffe mit Spionagesoftware erhalten haben. Besonders auffällig ist, dass mehrere Mitglieder der deutschen Regierung und Personen aus dem Bereich der Außenpolitik betroffen sein sollen.
Die Warnungen kamen während einer Asienreise von Bundeskanzler Friedrich Merz. Er besuchte Südkorea, Japan und Singapur und traf dort führende Vertreter der jeweiligen Regierungen. Mitglieder deutscher Bundesministerien, Abgeordnete und Journalisten begleiteten ihn auf der Reise. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel erhielten mehrere Personen aus dieser Delegation Warnmeldungen von Apple.
Einige der Betroffenen haben bisher nicht öffentlich über die möglichen Angriffe gesprochen. Am Dienstag bestätigte jedoch Franziska Brantner, Co-Vorsitzende der Grünen und Mitglied des Europaausschusses im Bundestag, dass auch sie eine solche Warnung erhalten hatte. Apple hatte zuvor mitgeteilt, dass Nutzer in insgesamt 99 Ländern von entsprechenden Hinweisen betroffen seien.
Die deutschen Sicherheitsbehörden reagierten schnell auf die Meldungen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) verschickte am Freitag Warnschreiben an betroffene Politiker, Regierungsmitarbeiter und andere Personen des öffentlichen Lebens. Darin riet die Behörde den Empfängern, ihre Geräte vorsichtshalber als infiziert zu betrachten und diese sofort auszutauschen.
Digitalminister Karsten Wildberger bestätigte die Maßnahmen in einem Interview. Das Schreiben sei innerhalb von 24 Stunden nach den Apple-Warnungen verschickt worden. Er betonte, dass die Bundesregierung damit sehr schnell auf die Hinweise reagiert habe.
Allerdings ist noch unklar, wie viele Geräte tatsächlich mit Spionagesoftware infiziert wurden. Das BSI kann derzeit nicht sagen, welche Telefone erfolgreich gehackt wurden und welche lediglich Ziel eines Angriffs waren. Auch die Gründe, warum bestimmte Personen ins Visier der Angreifer gerieten, sind bislang nicht bekannt.
Die Behörde machte jedoch deutlich, dass sie die Vorfälle ernst nimmt. Die schnelle Warnung und die Empfehlung zum Austausch der Geräte zeigen, dass die möglichen Folgen als erheblich eingeschätzt werden.
Bereits Ende vergangener Woche hatten ein libanesischer Dokumentarfilmer und ein in der Türkei tätiger Journalist öffentlich bestätigt, dass sie ebenfalls Apple-Warnungen erhalten hatten. Sie gehören zu einer größeren Gruppe möglicher Ziele, die von Angriffen mit kommerzieller Spionagesoftware betroffen sein könnten.
Für Hannah Neumann, deutsche Abgeordnete im Europäischen Parlament, sind die neuen Enthüllungen besonders besorgniserregend. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Einsatz und Missbrauch moderner Überwachungstechnologie. Neumann war Mitglied des inzwischen aufgelösten PEGA-Untersuchungsausschusses des Europäischen Parlaments. Dieser beschäftigte sich vor allem mit kommerzieller Spionagesoftware und dem Einsatz des Programms Pegasus der israelischen NSO Group.
Im Juli hatte Neumann bereits Alarm geschlagen, nachdem auf dem Telefon eines ehemaligen Europaabgeordneten Spionagesoftware entdeckt worden war. Der Politiker hatte ebenfalls dem Untersuchungsausschuss angehört.
Die aktuelle Entwicklung unterscheidet sich nach Ansicht Neumanns deutlich von früheren Fällen. Diesmal hätten mehrere Politiker aus dem Bereich der Außenpolitik sowie Mitarbeiter staatlicher Stellen Apple-Warnungen erhalten. Bei früheren Angriffswellen sei meist nur eine einzelne Person betroffen gewesen.
Neumann sieht darin ein mögliches Zeichen für eine größere Spionagekampagne. Sie bezeichnete den Einsatz solcher Programme nicht nur als Eingriff in die Privatsphäre, sondern auch als ernstes Problem für die nationale Sicherheit. Sobald die Technologie verfügbar sei, könne sie von immer mehr Akteuren genutzt werden. Dazu gehörten auch Gruppen, die politische Informationen sammeln wollten.
Der digitale Forensikexperte John Scott-Railton vom Citizen Lab sieht die Vorfälle ebenfalls als Warnsignal für Europa. Er erklärte, dass die Angriffe kurz vor einem wichtigen internationalen Treffen in Paris öffentlich wurden. Am 11. und 12. November soll dort der sogenannte Pall Mall Process stattfinden.
Die Initiative wurde von Frankreich und Großbritannien angestoßen. Ihr Ziel ist es, die Verbreitung und den Missbrauch kommerzieller Spionagesoftware sowie anderer moderner Überwachungstechnologien einzudämmen. Bei dem Treffen sollen freiwillige Regeln für die Branche vorgestellt werden.
Scott-Railton hält es für möglich, dass auch Unternehmen, die an diesem Prozess beteiligt sind, von den jüngsten Apple-Warnungen betroffen sein könnten. Er sieht die Vorfälle in Deutschland als weiteren Hinweis auf die anhaltenden Probleme mit kommerzieller Spionagesoftware in Europa.
Zugleich kritisierte er, dass europäische Staaten solche Unternehmen über Jahre hinweg als Kunden unterstützt hätten. Selbst technisch gut ausgestattete Regierungen seien dadurch nicht ausreichend geschützt.
Die neuen Enthüllungen stellen Deutschland nun vor wichtige Sicherheitsfragen. Die Regierung muss klären, wer hinter den Angriffen steckt, welche Geräte tatsächlich betroffen sind und wie solche Vorfälle künftig verhindert werden können. Zudem wächst der Druck auf europäische Staaten, strengere Regeln für den Einsatz und Verkauf von Spionagesoftware zu schaffen.
