Die Alternative für Deutschland (AfD) steht nach einem massiven Datenleck unter politischem Druck. Hacker haben mehr als 421.000 interne E-Mails und rund 48.000 Dokumente der Partei veröffentlicht. Die Daten reichen von November 2013 bis September 2026. Sie könnten neue Einblicke in interne Streitigkeiten, rechtsextreme Positionen und frühere Skandale geben. Gleichzeitig könnten die Veröffentlichungen die Debatte über ein mögliches Verbot der Partei erneut verstärken.
Das Datenpaket ist außergewöhnlich groß. Es umfasst rund 281 Gigabyte und enthält Nachrichten sowie weitere interne Unterlagen. Die Auswertung dürfte deshalb viel Zeit in Anspruch nehmen. Journalisten haben bislang nur einen Teil der Dateien untersucht und erste Berichte veröffentlicht.
Viele der bisher bekannt gewordenen Inhalte betreffen Themen, die bereits früher für Schlagzeilen sorgten. Dazu gehören rassistische und nationalsozialistische Äußerungen einzelner Parteimitglieder, ein Streit über die Finanzierung des Wahlkampfs von Alice Weidel im Jahr 2017 und eine Reise mehrerer AfD-Mitglieder nach Syrien im Jahr 2018.
Besonders wichtig ist jedoch, dass einige interne Nachrichten den früheren öffentlichen Aussagen von Parteivertretern widersprechen sollen. Dadurch könnten neue Fragen über den Umgang der AfD mit früheren Vorfällen entstehen. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) beschäftigt sich mit den veröffentlichten Informationen. Die Behörde stuft die Partei bereits als rechtsextremistisch ein.
Die AfD bestätigte den Hackerangriff in einer Mitteilung vom 21. Oktober. Sie erklärte, mit den zuständigen Behörden zusammenarbeiten zu wollen, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Gleichzeitig warnte die Partei davor, die veröffentlichten Daten ungeprüft zu verwenden.
Nach Angaben der AfD seien bereits mehrere auffällige Fälschungen entdeckt worden. Welche Dokumente davon betroffen sein sollen, teilte sie jedoch nicht mit. Außerdem kündigte die Partei an, keine Fragen zu einzelnen Inhalten zu beantworten, solange deren Echtheit nicht geklärt sei. Journalisten forderte sie auf, keine Informationen aus dem Datendiebstahl zu verbreiten.
Unter den veröffentlichten Nachrichten sollen sich mehrere E-Mails mit rassistischen Beleidigungen und nationalsozialistischen Begriffen befinden. Dazu gehört offenbar auch eine Weihnachtskarte mit einem Hakenkreuz und dem Gruß „Heil Hitler“. Solche Inhalte könnten die öffentliche Diskussion über rechtsextreme Einstellungen innerhalb der Partei weiter verschärfen.
Besonders im Bundesland Sachsen-Anhalt stehen mehrere AfD-Vertreter wegen ihrer Kontakte zu früheren Rechtsextremisten in der Kritik. Der dortige Landeschef Ulrich Siegmund soll vier ehemalige Mitglieder der verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend in sein enges Umfeld aufgenommen haben. Die Organisation orientierte sich in Teilen an der Hitlerjugend.
Auch Verbindungen zu Personen mit rechtsextremen Symbolen auf Kleidung und Tätowierungen wurden in Medienberichten thematisiert. Die AfD erzielte bei der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt fast 44 Prozent der Stimmen. Damit erhielt sie einen erheblichen Anteil der abgegebenen Stimmen.
Ein weiterer Streitpunkt ist das politische Konzept der sogenannten Remigration. Die AfD verwendet diesen Begriff für ihre Forderungen nach einer stärkeren Rückführung von Menschen mit Migrationshintergrund. Kritiker sehen darin auch eine Gefahr für Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit und warnen vor möglichen Verstößen gegen grundlegende Rechte.
In Mecklenburg-Vorpommern sorgte zudem eine Rede des AfD-Co-Vorsitzenden Tino Chrupalla für Kritik. Im August hatte er über Waffen gesprochen, die in der Nähe von Berlin gefunden und dem russischen Geheimdienst zugeschrieben wurden. Dabei verwendete er eine abwertende Bezeichnung für Sinti und Roma und behauptete, Angehörige dieser Minderheit könnten die Waffen beim Pilzesammeln zurückgelassen haben.
Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma reagierte mit einer Strafanzeige wegen Volksverhetzung. Die AfD hatte bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 38,2 Prozent der Stimmen erhalten. Der Vorfall löste eine neue Debatte über antiziganistische Äußerungen in der deutschen Politik aus.
Besondere Aufmerksamkeit richten die veröffentlichten E-Mails auch auf Alice Weidel. Berichten zufolge hatte sie zwischen 2015 und 2017 intern vor den politischen Folgen radikaler Aussagen innerhalb der Partei gewarnt. Dabei ging es vor allem um Björn Höcke, den AfD-Landeschef in Thüringen.
Weidel soll seine rassistischen und nationalistischen Positionen damals als problematisch bezeichnet haben. Sie befürchtete demnach, dass gemäßigte Wähler von der Partei Abstand nehmen könnten. Besonders die Verwendung des Begriffs „Volksgemeinschaft“ bereitete ihr offenbar Sorgen. Dieser Ausdruck wurde während der NS-Zeit für eine rassistisch definierte deutsche Gemeinschaft verwendet, aus der unter anderem Juden und Roma ausgeschlossen wurden.
Weidel soll sogar versucht haben, Höcke aus der Partei ausschließen zu lassen. Auch im Fall des früheren AfD-Politikers Wolfgang Gedeon vertrat sie eine kritische Haltung. Nach der Bekanntheit seiner antisemitischen Schriften im Jahr 2016 unterstützte sie offenbar seinen Parteiausschluss. In einer internen Nachricht warnte sie, dass die AfD andernfalls Mitglieder verlieren und eine nicht mehr kontrollierbare Richtung einschlagen könnte.
Seitdem hat sich die Partei politisch weiterentwickelt. Höcke sorgte wiederholt mit Aussagen über die deutsche Erinnerungskultur für Kritik. Er bezeichnete das Denkmal für die ermordeten Juden Europas als „Denkmal der Schande“ und forderte einen anderen Umgang Deutschlands mit seiner NS-Vergangenheit.
Zudem wurde Höcke zweimal wegen der Verwendung der verbotenen nationalsozialistischen Parole „Alles für Deutschland“ verurteilt. Die neuen Veröffentlichungen könnten nun weitere interne Vorgänge sichtbar machen und die Diskussion über den Umgang der AfD mit Rechtsextremismus erneut anheizen.
