Am 6. September 2026 gewann die Alternative für Deutschland (AfD) die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit 44 Prozent der Stimmen. Damit verdoppelte die Partei ihr Ergebnis von 2021 mehr als. Der Erfolg gilt als großer Einschnitt in der deutschen Politik. Er zeigt auch, wie stark die Parteien der Mitte an Rückhalt verloren haben.
Die AfD vertrat bei ihrer Gründung im Jahr 2013 zunächst liberale und konservative Positionen. Damals stand sie vor allem der Europäischen Union kritisch gegenüber. Seitdem hat sie sich immer weiter nach rechts bewegt. Im Wahlkampf setzte sie stark auf ihre Forderung nach einer strengeren Migrationspolitik. Der Chef ihrer Jugendorganisation sprach sogar von einer umfassenden „Remigration“. Deutschland brauche keine 80 Millionen Einwohner, sagte er. Auch mit 60 Millionen könne das Land leben.
Der Wahlsieg kam dennoch nicht überraschend. Sachsen-Anhalt liegt im Osten Deutschlands und kämpft seit Jahren mit wirtschaftlichen und sozialen Problemen. Die Region hat eine geringe Bevölkerungsdichte und zählt zu den wirtschaftlich schwächsten Bundesländern. Viele Menschen haben den Wandel seit der deutschen Einheit als Verlust erlebt.
Früher war Sachsen-Anhalt ein wichtiger Standort der Chemieindustrie. Große Anlagen, darunter der Industriekomplex Leuna, verarbeiteten einst sowjetisches Öl. In Bitterfeld gehörte die Luftverschmutzung zu den schlimmsten in Europa. Heute ist die Umwelt deutlich sauberer. Ehemalige Tagebaue wurden zu Seen und Erholungsgebieten. Auch der Tourismus bietet neue Chancen.
Doch der Wandel hat tiefe Spuren hinterlassen. Viele Industriejobs gingen verloren. Zahlreiche junge Menschen zogen weg, um anderswo Arbeit zu finden. Die Bevölkerung des Landes ist seit 1990 um etwa ein Viertel geschrumpft. Hinter renovierten Innenstädten und sauberen Straßen stehen daher oft Sorgen um Arbeit, Zukunft und soziale Sicherheit.
Die AfD ist nicht die erste Partei der extremen Rechten, die in Sachsen-Anhalt Erfolge erzielt. Bereits 1998 erreichte die Deutsche Volksunion 13 Prozent der Stimmen. Später wurde die Region zu einem wichtigen Ort für neue rechte Gruppen. Im Jahr 2016 kam die AfD bei der Landtagswahl auf 24 Prozent. Die etablierten Parteien mussten daraufhin ungewöhnliche Bündnisse bilden, um eine Regierung zu stellen.
Schon 2023 warnte der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt vor der Radikalisierung der AfD. Die Behörde sah in der Partei eine erhebliche Gefahr für Demokratie und Rechtsstaat. Trotzdem gab es bislang keine entscheidenden Schritte für ein formelles Parteiverbotsverfahren.
Ein wichtiger Grund für den jüngsten Erfolg liegt in der Schwäche der großen Parteien. Die CDU regiert das Land seit 2002. Ihr Kandidat galt als durchaus beliebt. Doch die schlechte Stimmung gegenüber der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz belastete die Partei im Wahlkampf.
Merz wollte den Rückhalt der AfD halbieren. Dafür setzte er auf strengere Grenzkontrollen, härtere Regeln für Migranten und Kürzungen bei staatlichen Leistungen. Zugleich versprach seine Regierung umfassende Reformen. Betroffen sein könnten unter anderem Leistungen bei Krankheit, Wohnen, Bildung und Unterstützung für Menschen mit Behinderungen.
Diese Politik hat die AfD bisher nicht geschwächt. Vielmehr verlor die CDU weiter an Zustimmung. Die hohen Energiepreise und die schwache Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft verstärken die Sorgen vieler Menschen. Die geringe Zustimmung zu Merz zeigt, wie groß die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung ist.
Auch die SPD hat im Osten viel Vertrauen verloren. Nach der Wiedervereinigung war sie in Sachsen-Anhalt noch stark. Doch die Reformen der Bundesregierung unter Gerhard Schröder führten zu Einschnitten im Sozialstaat. Viele Wähler fühlten sich dadurch im Stich gelassen. Die Partei konnte ihren früheren Rückhalt im Osten nie wieder erreichen.
Andere Parteien konnten diese Lücke nicht füllen. Die Grünen und die FDP haben in Sachsen-Anhalt nur eine kleine Basis. Die Linke verlor ebenfalls viele Wähler. Teile der ostdeutschen Identitätspolitik, die früher bei der Linken zu finden waren, griff später die AfD auf.
Die AfD verbindet wirtschaftliche Sorgen mit Erzählungen über angeblichen Verrat durch politische Eliten. Sie stellt sich als Stimme der „echten“ Deutschen dar und macht Migration für viele Probleme verantwortlich. Dabei ist der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Sachsen-Anhalt vergleichsweise gering.
Der Wahlerfolg lässt sich deshalb nicht allein mit der Geschichte der DDR erklären. Besonders ältere Menschen, die ihr gesamtes Leben in der DDR verbrachten, stimmten seltener für die AfD als jüngere Wähler. Viele der heutigen AfD-Anhänger waren noch Kinder, als die Berliner Mauer fiel.
Auch die Folgen der Wiedervereinigung spielen eine Rolle. Die ostdeutsche Wirtschaft musste sich in kurzer Zeit an einen völlig neuen Markt anpassen. Viele Betriebe konnten mit westlichen und internationalen Konkurrenten nicht mithalten. Arbeitsplätze verschwanden, während die versprochene wirtschaftliche Erholung für viele Menschen ausblieb.
Heute kommen neue Sparpläne hinzu. Das verstärkt die Angst vor weiterem Abstieg. Gleichzeitig zeigt der Wahlsieg, dass eine besonders harte Migrationspolitik die AfD nicht automatisch schwächt.
Im Wahlkampf nutzte die Partei auch Symbole aus der DDR-Zeit. Ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund fuhr auf einem alten ostdeutschen Motorrad durch das Land und sprach von einem sicheren Deutschland der 1990er-Jahre. Dabei war diese Zeit nach der Wiedervereinigung von großen sozialen und wirtschaftlichen Problemen geprägt.
Die Zusammensetzung der AfD-Fraktion sorgt ebenfalls für Kritik. Zu ihren Mitgliedern gehören ein früherer Stasi-Offizier und mehrere Personen, gegen die wegen möglicher Verbindungen zur Neonazi-Szene ermittelt wird.
Der Wahlsieg stellt Deutschland vor eine wichtige Frage: Wie können die demokratischen Parteien das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen? Die Entwicklung in Sachsen-Anhalt zeigt, dass weder strengere Migrationsregeln noch Sparprogramme allein die Ursachen der Unzufriedenheit beseitigen. Ohne neue wirtschaftliche Chancen und glaubwürdige politische Antworten dürfte es für die Parteien der Mitte schwer werden, den Aufstieg der AfD zu stoppen.
